BGH - Urteil vom 25.06.1954
2 StR 298/53
Normen:
StGB § 25 Abs. 2, § 177 Abs. 1, § 178 Abs. 1 ;
Fundstellen:
BGHSt 6, 226
LM StGB § 177 Nr. 4 (Ls)
NJW 1954, 1292
Vorinstanzen:
LG Bremen,

BGH - Urteil vom 25.06.1954 (2 StR 298/53) - DRsp Nr. 1995/8557

BGH, Urteil vom 25.06.1954 - Aktenzeichen 2 StR 298/53

DRsp Nr. 1995/8557

"Mittäter der Notzucht nach § 177 Abs. 1 1. Halbsatz StGB kann auch sein, wer nur bei der Gewaltanwendung mitwirkt."

Normenkette:

StGB § 25 Abs. 2, § 177 Abs. 1, § 178 Abs. 1 ;

Gründe:

Die Strafkammer hat den Angeklagten wegen fortgesetzten gemeinschaftlichen Versuchs der Notzucht in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Mit seiner Revision rügt der Angeklagte die Verletzung sachlichen Rechts.

1.) Die Revision ist der Auffassung, eine Mittäterschaft sei bei Notzucht aus Rechtsgründen nicht möglich. Diese Ansicht ist nicht richtig.

Zwar findet sich im älteren Schrifttum vereinzelt die Meinung, auch die Notzucht im Sinne des § 177 Abs. I 1. Halbsatz StGB gehöre zu den "eigenhändigen" Straftaten und könne daher nicht in mittelbarer Täterschaft oder in Mittäterschaft begangen werden, wenn sich der Mittäter auf die Nötigungshandlung beschränkt. In Übereinstimmung mit dem überwiegenden Teil des Schrifttums hat das Reichsgericht jedoch die Möglichkeit einer Mittäterschaft bei Notzucht auch für diesen Fall bejaht (RGSt 3, 181, LZ 1921, 109). Dieser Auffassung hat sich der Bundesgerichtshof bereits angeschlossen (BGH 3 StR 294/53 vom 27. August 1953; BGH 4 StR 118/54 vom 29. April 1954). Es besteht kein Anlaß, von dieser Rechtsprechung abzuweichen.

Mittäterschaft ist eine Form der Täterschaft. Aus Rechtsgründen kann Mittäterschaft deher nur insoweit ausgeschlossen sein, als eine Täterschaft bei der Notzucht dem äußeren Tatbestande nach nicht möglich ist. Das wäre der Fall, wenn die Straftat persönlich begangen werden müßte und in mittelbarer Täterschaft nicht begangen werden könnte. Dies trifft auf die Notzucht nach § 177 Abs. I 1. Halbsatz StGB nicht zu.

Über die Frage, welche Straftaten eigenhändig sind, herrscht Streit. In den Fällen, in denen die Rechtsprechung eine Eigenhändigkeit ausdrücklich oder stillschweigend bejaht hat, hat sie es darauf abgestellt, ob der Täter nur durch sein eigenes Handeln persönlich den Tatbestand erfüllen kann (RGSt 37, 92; 55, 265; 59, 79 [81]; 61, 199). Das entscheidende Unrecht liegt dann nicht in der Herbeiführung eines Erfolges, sondern in einem eigenen verwerflichen Tun. Die Frage aber, ob das entscheidende Unrecht im Erfolg oder im Handeln selbst liegt, kann im Einzelfall nur nach dem Gesetz beantwortet werden. Dies gilt auch für die Frage, ob der Täter die strafbare Handlung nur persönlich vornehmen kann. Daraus folgt, daß die sogenannte Eigenhändigkeit der Straftaten wesentlich von der Fassung der Tatbestände durch den Gesetzgeber abhängt.

Prüft man das Gesetz (§ 177 Abs. I 1. Halbsatz StGB) unter diesem Gesichtspunkt, so kann die Eigenhändigkeit der Notzucht nicht schon mit der Begründung verneint werden, es handle sich um eine Erfolgsstraftat. Der Wortlaut des Gesetzes läßt erkennen, daß das entscheidende Unrecht bereits in dem Handeln selbst liegt. Dagegen ist dem Gesetz nicht zu entnehmen, daß der Täter auch persönlich handeln muß. Die Notzucht in dieser Form umfaßt zwei Handlungen, die Nötigung und die Vollziehung des Beischlafes (zusammengesetzte Straftat). Dabei steht die Nötigungshandlung im Vordergrund der Tatbestandsmäßigkeit. Nicht die "Vollziehung des Beischlafen mit einer zu diesem Zweck vergewaltigten Frau", sondern "die Nötigung der Frau zur Duldung des Beischlafes" ist unter Strafe gestellt. Der Unterschied tritt noch mehr hervor, wenn man die Strafbestimmung des § 176 Nr. 2 StGB zum Vergleich heranzieht: "Wer eine Frau ... zum Beischlaf mißbraucht". Bei dieser Straftat ergibt sich die Eigenhändigkeit aus dem Tatbestand des Gesetzes, das den Nachdruck auf den Beischlaf legt. Die Notzucht hat der Gesetzgeber dagegen - trotz der Einordnung in den 13. Abschnitt des Strafgesetzbuches - im wesentlichen als Nötigungsstraftat behandelt. Liegt das Schwergewicht aber bei der Nötigungshandlung, so kann schon deshalb eine eigenhändige Begehung nicht erforderlich sein. Zudem spricht das Gesetz nur von der "Duldung" des Beischlafes. Damit bringt es zum Ausdruck, daß beide Tatbestandshandlungen (Nötigung und Vollziehung des Beischlafes) nicht von derselben Person vollzogen werden müssen. Da es sich um einen zusammengesetzten Straftatbestand handelt, der die Nötigungstat voranstellt, wäre das notwendig gewesen, um die Eigenhändigkeit zu begründen.

Unzutreffend ist endlich die Auffassung, eine Mittäterschaft sei auf Seite des Nur-Nötigenden deshalb ausgeschlossen, weil es tatsächlich unmöglich sei, den Beischlaf eines anderen als eigene Tat zu wollen (vgl. RGSt 71, 364). Sie übersieht, daß es für die innere Tatseite ausreicht, zur Duldung des Beischlafs nötigen zu wollen. Mehr setzt der Tatbestand des Gesetzes nicht voraus. Der Täter braucht hier nicht den Willen zu haben, den Beischlaf selbst zu vollziehen. Es genügt, daß er die Nötigungshandlung als eigene Tat will und dabei billigt, daß sie zur Duldung des Beischlafs führt.

Beschränkt sich der Tatbeitrag eines Teilnehmers auf die Nötigungshandlung, so ist es allerdings geboten, die innere Tatseite sorgfältig zu prüfen. Im vorliegenden Falle hat das Landgericht festgestellt, der Angeklagte habe die Geschädigte am Boden festgehalten und im übrigen beabsichtigt, später auch selbst den Beischlaf zu vollziehen. Die Strafkammer hat hieraus geschlossen, daß er die Nötigung zur Duldung des Beischlafs als eingene Tat wollte. Dies ist aus Rechtsgründen nicht zu beanstanden. Es ist möglich, daß Interesse des Täters an der Tat als Anzeichen dafür zu werten, ob er die Tat als eigene oder nur eine fremde Tat fördern wollte.

Keiner Erörterung bedurfte es, wie die Rechtsfrage bei der Begehungsform der Notzucht nach § 177 Abs. I 2. Halbsatz StGB zu beurteilen ist.

2.) Die Strafkammer stellt fest, daß die Täter infolge der Gegenwehr der Geschädigten den Beischlaf nicht vollziehen konnten und daß keiner von ihnen die Vollendung des Verbrechens freiwillig aufgab. Bei dem Angeklagten wird als besonderer Grund hierfür angeführt, daß ihn ein anderer mit Urin einnäßte. Die Revision meint, dies schließe einen freiwilligen Rücktritt nicht aus. Freiwillig ist ein Rücktritt jedoch nicht, wenn nach der Vorstellung des Täters ein äußerer Umstand vorliegt oder eintritt, der ihn zur Aufgabe seines Plans veranlaßt. So war es hier. Mithin kommt § 46 StGB nicht in Betracht.

3.) Soweit die Revision die Feststellungen in Zweifel zieht, daß der Angeklagte seinen Tatbeitrag mit Tatwillen in bewußtem und gewolltem Zusammenwirken mit den anderen Tatgenossen geleistet hat, greift sie lediglich die tatsächlichen Feststellungen des Urteils an. Das ist unzulässig. Die Revision kann nur auf Verletzung des Gesetzes gestützt werden (§ 337 StPO).

4.) Gleiches gilt für die Revision, soweit sie die Feststellungen über die gemeinschaftliche schwere Körperverletzung der Geschädigten bemängelt. Die Mitwirkung des Angeklagten ist nach der äußeren und inneren Tatseite ausreichend festgestellt.

Da die Nachprüfung des Urteils auch im übrigen keinen durchgreifenden Rechtsfehler ergeben hat, muß die Revision des Angeklagten verworfen werden.

Vorinstanz: LG Bremen,
Fundstellen
BGHSt 6, 226
LM StGB § 177 Nr. 4 (Ls)
NJW 1954, 1292