OLG Koblenz - Beschluss vom 26.09.2012
13 UF 413/12
Normen:
BGB § 1610; BGB § 1612a;
Fundstellen:
FamFR 2013, 104
FamRZ 2013, 1140
Vorinstanzen:
AG Koblenz, vom 07.05.2012 - Vorinstanzaktenzeichen 192 F 580/11

Unterhaltsbedarf eines minderjährigen Kindes mit eigenem Hausstand

OLG Koblenz, Beschluss vom 26.09.2012 - Aktenzeichen 13 UF 413/12

DRsp Nr. 2013/2187

Unterhaltsbedarf eines minderjährigen Kindes mit eigenem Hausstand

Der Unterhaltsbedarf eines minderjährigen Kindes, das einen eigenen Hausstand unterhält und von keinem Elternteil betreut wird, entspricht dem Bedarf eines auswärts untergebrachten volljährigen Kindes

Tenor

1.

Auf die Beschwerde des Antragsgegners zu 2) wird der Beschluss des Amtsgerichts - Familiengerichts - Koblenz vom 07.05.2012 teilweise abgeändert.

2.

Die Anträge der Antragstellerin werden bezüglich des Antragsgegners zu 2) abgewiesen.

3.

Die Kosten des Beschwerdeverfahrens trägt die Antragstellerin. Die Kosten 1. Instanz werden, wie folgt verteilt: Die Gerichtskosten und ihre eigenen außergerichtlichen Kosten trägt die Antragstellerin zu 60%; im Übrigen trägt sie die Antragsgegnerin zu 1). Die außergerichtlichen Kosten des Antragsgegners zu 2) trägt die Antragstellerin. Die außergerichtlichen Kosten der Antragsgegnerin zu 1) trägt sie selbst zu 85%, die Antragstellerin zu 15%.

4.

Der Wert des Beschwerdegegenstandes wird auf (448,00 _ 362,00) x12 + 549,00 = 1.581,00 EUR festgesetzt.

5.

Die Rechtsbeschwerde gegen diese Entscheidung wird zugelassen.

Normenkette:

BGB § 1610; BGB § 1612a;

Gründe

I.

Die Ehe der Eltern der am ... 1994 geborenen Antragstellerin wurde im Jahre 2004 geschiedenen. Die Antragstellerin lebte zunächst bei ihrer Mutter, der Antragsgegnerin zu 1, der die elterliche Sorge allein übertragen worden war. Ende des Jahres 2010 zog die Antragstellerin bei der Mutter aus, zunächst zu den Großeltern und dann zu Eltern einer Freundin. Durch Beschluss des Amtsgerichts A. vom 26. Mai 2011 wurde der Mutter die elterliche Sorge entzogen und auf einen Vormund, einen Onkel der Antragstellerin, übertragen. Seit Juli 2011 lebt die Antragstellerin in einer vom Vormund angemieteten Wohnung. Sie besucht das M.Gymnasium in K. und hat keine Einkünfte.

Die Antragstellerin macht mit dem am 27. Oktober 2011 eingegangenen Antrag Unterhaltsansprüche gegen beide Eltern geltend, und zwar für die Zeit ab Mai 2011.

Die Antragsgegnerin zu 1) hat sich durch Urkunde des Jugendamtes der Kreisverwaltung M. vom 6.12.2011 verpflichtet, Kindesunterhalt in Höhe von zur Zeit 334 EUR zu zahlen vom 01.11. 2011 bis zum 20.10.2012 (Bl. 116 GA).

Der Antragsgegner zu 2) hatte sich durch Jugendamtsurkunde der Kreisverwaltung M. vom 30. Juni 2004 unter anderem verpflichtet, an die Antragstellerin ab dem 1. Oktober 2006 121% des jeweiligen Regelbetrags der 3. Altersstufe zu zahlen (Bl. 128 GA).

Durch den angefochtenen Beschluss gab das Amtsgericht den Antrag überwiegend statt und verpflichtete die Antragsgegnerin zu 1), ab November 2011 an die Antragstellerin monatlichen Kindesunterhalt in Höhe von 355,00 EUR zu zahlen, abzüglich ab November 2011 monatlich gezahlter 334 EUR, sowie einem Rückstand von insgesamt 126,00 EUR für die Zeit von Mai 2011 bis Oktober 2011.

Es verpflichtete den Antragsgegner zu 2) - in Abänderung der Jugendamtsurkunde aus dem Jahre 2004 - ab November 2011 monatlichen Kindesunterhalt von 448,00 EUR zu zahlen, abzüglich ab November 2011 jeweils gezahlter 243 EUR, und weiter rückständigen Unterhalt für die Zeit ab Mai 2011 in Höhe von 549 EUR zu zahlen. Die weiteren Anträge wies das Amtsgericht zurück.

Es führte hierzu aus, bei der Feststellung des Bedarfs sei vom zusammengerechneten Einkommen beider Eltern auszugehen, da hiervon die Lebensstellungen des Kindes geprägt werde. Es errechnete für die Antragsgegnerin zu 1) ein bereinigtes Nettoeinkommen von 1.457,35 EUR, für den Antragsgegner zu 2) ein bereinigtes Nettoeinkommen von 1.650,43 EUR.

Hieraus errechne sich ein Bedarf von 512 EUR nach Gruppe 5 der Düsseldorfer Tabelle. Weil die Antragstellerin weder vom Vater noch von der Mutter betreut werde, sei dieser Betrag zu verdoppeln (unter Berufung auf eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs vom 30. August 2006 - XII ZR 138/04 (FamRZ 2006, 1597). Nach Abzug des Kindergeldes verbleibe ein Restbedarf von 840 EUR.

Nach den verfügbaren Einkommen der Eltern - jeweils nach Abzug des notwendigen Selbstbehalts - errechne sich für die Antragsgegnerin zu 1 ein Haftungsanteil von 355,00 EUR. Für den Antragsgegner errechne sich ein Haftungsanteil von an sich 487,00 EUR, der jedoch durch den Höchstbetrag von 448 EUR begrenzt werde, der sich ergebe, wenn in einer Kontrollberechnung seine Alleinhaftung unterstellt werde.

Die Leistungsfähigkeit beider Antragsgegner sei gewahrt.

Gegen diese Entscheidung wendet sich alleine der Antragsgegner zu 2). Er begründet dies damit, der Antragstellerin stehe kein höherer Anspruch als der bereits titulierte zu. Hiernach seien monatlich 356,00 EUR geschuldet. Mehr stehe ihr nicht zu. Die vom Amtsgericht vorgenommene Unterhaltsberechnung sei unrichtig. Zwar bestimme sich der Bedarf nach dem zusammengerechneten Einkommen beider Eltern. Er sei aber nicht zu verdoppeln. Die vom Amtsgericht angeführte Entscheidung des BGH betreffe einen Einzelfall und sei nicht auf die vorliegende Konstellation zu übertragen. Zudem sei von der Antragstellerin ihr Bedarf konkret darzulegen. Keinesfalls könne dieser über dem eines Studierenden liegen. Spätestens ab Eintritt der Volljährigkeit sei sie jedoch entsprechend zu behandeln.

Er beantragt,

den Antrag insgesamt zurückzuweisen (Antrag vom 9. August 2012 - Bl. 221).

Die Antragstellerin beantragt,

die Beschwerde zurückzuweisen.

Sie hält die Entscheidung des Amtsgerichts für richtig. Insbesondere sei der Bedarf zutreffend nach dem doppelten Unterhalt ermittelt worden. Die Entscheidung des Bundesgerichtshofs sei nicht auf den damaligen Einzelfall bezogen gewesen. Die vorgenommene Verdoppelung des Tabellenbeitrages habe nichts damit zu tun, dass in dem damaligen Fall ein Elternteil verstorben gewesen sei; der BGH habe vielmehr allgemeine Grundsätze aufgestellt.

Sie werde auch weiterhin nach Vollendung des 18. Lebensjahres das M. Gymnasium besuchen und sei auch dann noch privilegiert volljährig.

II.

Die Beschwerde des Antragsgegners zu 2) ist begründet.

1.

Die Entscheidung des Amtsgerichts wird nur von dem Antragsgegner zu 2 angegriffen. Dieser wendet sich lediglich gegen die Bedarfsberechnungen des Amtsgerichts. Die ansonsten vom Amtsgericht zu Grunde gelegten Parameter werden nicht angegriffen, insbesondere nicht die ermittelten Einkommen beider Eltern.

2.

Es geht hier um einen Abänderungsantrag; nach wie vor ist die Jugendamtsurkunde aus dem Jahre 2004 als Titel gültig. Nur wenn sich nach den aktuellen Verhältnissen eine Änderung zu Gunsten der Antragstellerin ergibt, kommt eine Abänderung in Betracht. Dies ist jedoch nicht der Fall.

3.

Nicht im Streit ist, dass hier beide Eltern anteilig nach ihren Erwerbs- und Vermögensverhältnissen für den Barunterhalt haften (§ 1606 Abs. 3 Satz 1 BGB). Die Antragstellerin wird weder vom Vater, noch von der Mutter betreut. Sie führt vielmehr einen eigenen Hausstand. Grundsätzlich ist ihr Bedarf also, wie es das Amtsgericht getan hat, nach dem zusammengerechneten Einkommen beider Eltern zu bestimmen. Es ist auch zutreffend, dass der BGH in der Entscheidung vom 30.8.2006 (a.a.O.) ausgeführt hat, der Tabellenunterhalt sei zu verdoppeln, weil keiner der Eltern das Kind betreue. Die dortige Klägerin wurde allerdings von den Großeltern betreut, die Antragstellerin wird nicht betreut. Insoweit ist der Sachverhalt aus der BGH Entscheidung nicht mit dem vorliegenden vergleichbar. Allerdings ist die Auffassung des Antragsgegners zu 2) nicht richtig, der BGH habe sich nur zu dem ganz speziellen Fall geäußert. Den Gründen der Entscheidung lässt sich entnehmen, dass die vom BGH vorgenommene Verdoppelung des Tabellenunterhalts dann regelmäßig vorzunehmen sei, wenn keiner der Eltern das Kind betreue.

4.

Es stellt sich allerdings die Frage, ob das auch gelten soll, wenn das Kind, obwohl noch minderjährig, von niemandem betreut wird, sondern einen eigenen Hausstand unterhält. Weiter stellt sich die Frage, ob ein minderjähriges Kind, das im eigenen Hausstand lebt, einen höheren Bedarf haben kann als ein Student, der ebenfalls nicht bei seinen Eltern wohnt. Beides ist nach Auffassung des Senats zu verneinen.

5.

Der Senat hat bereits in Fällen, in denen sich der Bedarf nach dem zusammengerechneten Einkommen beider Eltern ermittelte, das Kind aber noch bei einem Elternteil lebte, ausgeführt, in diesem Falle sei der Bedarf auf denjenigen begrenzt, der für einen Studenten mit eigenen Hausstand angenommen werde, aktuell also 670 EUR. Dies muss erst recht gelten, wenn das minderjährigen die Kind, wie hier von niemandem betreut, in einer eigenen Wohnung lebt. Es ist nicht plausibel, dass der Bedarf einer minderjährigen Schülerin höher sein soll als der eines Studenten, der zudem regelmäßig deutlich höhere Kosten für Arbeitsmaterial hat, wobei diese zwar je nach Studium schwanken, aber auch in geisteswissenschaftlichen Studien höher sind als die Aufwendungen eines Schülers. Von daher kann nicht, wie es das Amtsgericht getan hat, der sich ergebende Unterhalt verdoppelt werden. Der Bedarf ist auf 670 EUR zu kappen (vgl. Klinkhammer in Wendl/ Dose, Das Unterhaltsrecht in der familienrichterlichen Praxis, 8. Aufl. Rn 337). Der BGH hatte in der zitierten Entscheidung keinen Anlass, sich mit dieser Problematik zu befassen. Der Bedarf entsprach dort den Mindestbedarf von damals 269 EUR. Auch wenn dieser verdoppelt wurde, war der Unterhaltsbedarf eines Studenten nicht erreicht.

6.

Die Antragstellerin wohnt zwar erst seit Juli 2011 in einer eigenen Wohnung Der Unterhaltszeitraum beginnt aber - ausgehend vom Tenor der amtsgerichtlichen Entscheidung - bereits im Mai 2011 (nach den Gründen ab Juni 2011.Bl. 8 oben). In diesem Zeitraum - Mai und Juni 2011 - lebte die Antragstellerin nach den tatbestandlichen Feststellungen der angegriffenen Entscheidung bei den Eltern einer Freundin. Deshalb stellt sich die Konstellation nicht wesentlich anders dar. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass diese die Antragstellerin betreuten, dass sie von der bis 26.05.2011 sorgeberechtigten Mutter bzw. später vom Vormund hiermit betraut wurden.

7.

In der damaligen Urkunde waren 121% des Regelbedarfs abzüglich des anteiligen Kindergeldes tituliert. Das entsprach einem Zahlbetrag von - Ende 2007 - 312 EUR. In dieser Höhe war der Unterhalt also tituliert; bei einer Umrechnung nach § 36 Nummer 3 EG ZPO ergibt sich ein aktuell geschuldeter Betrag von 362,00 EUR.

1 Umrechnung des 2004 titulierten Unterhalts ( Bl. 128)
2 121% des Regelbetrages abzüglich anteiliges Kindergeld
3 Umrechnung nach § 36 Nr. 3a EGZPO
4 1. Ermittlung des Prozentsatzs
5 Damaliger Zahlbetrag ( 3 Altersstufe ), 121% 312,00 EUR
6 1/2 Kindergeld 77,00 EUR
7 Zusammen 389,00 EUR
8 Mindestunterhalt am 1.1.2008 365,00 EUR
9 Prozentsatz neu (Zeile 7 x 100: Zeile8) 106,6
10 2. Unterhalt neu
11 Mindestunterhalt 3 Alterstufe aktuell 426,00 EUR
12 Prozentsatz neu 106,6 EUR
12 Unterhalt 454,01 EUR
13 1/2 Kindergeld 92,00 EUR
14 bleiben 362,00 EUR

8.

Nach den unstreitigen Ausgangswerten schuldet der Antragsgegner zu 2) folgenden Unterhalt:

bis 10 /2012 Ab 11/2012
Einkommen Vater 1.640,00 EUR
Einkommen Mutter 1.457,00 EUR
zusammen 3.097,00 EUR
Tabellengruppe 5
Unterhalt 512,00 EUR
verdoppelt 1.024,00 EUR
begrenzt 670,00 EUR
abzüglich Kindergeld 184,00 EUR
Bedarf 486,00 EUR 486,00 EUR
Haftungsquote
Einkommen Vater 1.640,00 EUR 1.640,00 EUR
Notwendiger/ angemessener Selbstbehalt 950,00 EUR 1.150,00 EUR
Es bleiben 690,00 EUR 490,00 EUR
Einkommen Mutter 1.457,00 EUR 1.457,00 EUR
notwendiger Selbstbehalt 950,00 EUR 1.150,00 EUR
es bleiben 507,00 EUR 307,00 EUR
zusammen bleiben 1.197,00 EUR 797,00 EUR
Anteil Vater (Prozent) 57,64% 61,48%
Anteil Vater Unterhalt rund 281,00 EUR 299,00 EUR
tituliert sind bereits 362,00 EUR 362,00 EUR

Aus dieser Berechnung ist ersichtlich, dass der Abänderungsantrag keinen Erfolg hat.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 243 FamFG.

Der Senat lässt wegen der nicht geklärten Frage der Bedarfsberechnung die Rechtsbeschwerde zu.

Vorinstanz: AG Koblenz, vom 07.05.2012 - Vorinstanzaktenzeichen 192 F 580/11
Fundstellen
FamFR 2013, 104
FamRZ 2013, 1140