BGH - Urteil vom 25.03.1980
5 StR 36/80
Normen:
StPO § 252 ;
Fundstellen:
BGHSt 29, 230
JR 1981, 125
JZ 1980, 419
LM StPO § 252 Nr. 1
MDR 1980, 593
NJW 1980, 1533
Vorinstanzen:
LG Braunschweig,

BGH - Urteil vom 25.03.1980 (5 StR 36/80) - DRsp Nr. 1994/5161

BGH, Urteil vom 25.03.1980 - Aktenzeichen 5 StR 36/80

DRsp Nr. 1994/5161

»Wird ein Kind von einem Polizeibeamten aufgegriffen und berichtet es erst auf Nachfrage von einer an ihm begangenen Straftat, so darf der Polizeibeamte nicht über die Angaben des Kindes als Zeuge vernommen werden, wenn das Kind später das Zeugnis nach § 52 StPO verweigert.«

Normenkette:

StPO § 252 ;

Gründe:

Die auf § 252 StPO gestützte Verfahrensrüge ist insoweit in zulässiger Form erhoben worden, als der Angeklagte geltend macht, der Polizeibeamte W. hätte nicht darüber vernommen werden dürfen, was de Zeugin M. M. ihm in der Nacht zum 10. März 1979 erklärt hat; die Zeugin, Tochter der Ehefrau des Angeklagten, hat in der Hauptverhandlung das Zeugnis verweigert. Die Rüge führt zur Aufhebung des Urteils und zur Zurückverweisung der Sache.

Der Polizeimeister W. hatte die damals 12 Jahre alte M. M. nachts gegen 1.20 Uhr aufgegriffen. In den Urteilsgründen heißt es über die Aussage des Zeugen W.: M. habe auf die Frage, "was sie um diese Zeit in der Innenstadt von H. zu suchen habe, ... angegeben, daß sie von zu Hause weggelaufen sei, weil sie sich fürchte, von dem betrunkenen Vater geschlagen zu werden. Um sich Klarheit darüber zu verschaffen, was mit M. M. zu geschehen habe, habe er sie erneut gefragt, was geschehen sei. M. habe zunächst nur geantwortet, daß ihr Vater sie schlage und so. Auf seine weitere Nachfrage, was sie mit dem Ausdruck "und so" meine, habe sie sinngemäß gesagt, daß er sie sexuell bedränge". Nach dem Akteninhalt, auf den der Senat ergänzend zurückgegriffen hat, wurde M. "auf Grund dieser Aussage" dem Polizeirevier zugeführt und der Kriminalpolizei überstellt; sodann wurde der Angeklagte in seiner Wohnung festgenommen. Der Tatrichter hat die Aussage des Zeugen W. auch insoweit verwertet, als dieser über die Angaben der Zeugin M. M. berichtet hat. Bei der Überführung des Angeklagten hat sich der Tatrichter u.a. darauf gestützt, daß die Ehefrau des Angeklagten die "sexuellen Anschuldigungen ihrer Tochter bestätigt hat"; die Aussage des Zeugen W. hat, zusammen mit anderen Beweismitteln, den Tatrichter in seiner Überzeugung bestärkt, daß die Ehefrau des Angeklagten bei ihrer richterlichen Vernehmung die Wahrheit gesagt hat.

Der Tatrichter hat sich nach den Urteilsgründen an der Verwertung der Aussage des Zeugen W. nicht gehindert gesehen, weil es sich bei M.'s Angaben um "bloße Äußerungen" gehandelt habe, "die einem zur Abstellung eines andauernden Angriffs einschreitenden Polizeibeamten gemacht worden sind". Die Revision macht mit Recht geltend, daß der Tatrichter damit gegen § 252 StPO verstoßen hat. Das aus dieser Vorschrift herzuleitende Verwertungsverbot (BGHSt 2, 99, 104) erstrecke sich auch auf die Äußerungen, die M. auf Befragen des Zeugen W. gemacht hat. Sie hat ihre Äußerungen in einem Verfahren (nicht gegenüber Privatpersonen) abgegeben (vgl. BGHSt 20, 384, 385). Sie ist nicht von sich aus an den Polizeibeamten herangetreten. Vielmehr hat sie, nachdem sie von der Polizei aufgegriffen worden war, ihre belastende Äußerung erst gemacht, nachdem der Zeuge W. sie befragt und auf eine Erläuterung ihrer zunächst unbestimmten Angaben hingewirkt hatte. Soweit der Bundesgerichtshof Äußerungen, die Zeugen vor der Polizei abgegeben hatten, aus dem Anwendungsbereich des § 252 StPO ausgeschieden hat, handelte es sich um Äußerungen, die die Zeugen spontan gemacht hatten, nachdem sie von sich aus, also aus freien Stücken, an die Polizei gewandt und um deren Schutz nachgesucht hatten (BGH NJW 1956, 1884; BGH Urteil vom 14. Dezember 1960 - 2 StR 528/60 -; ebenso RG JW 1935, 2979 und BayObLG NJW 1952, 517). An dieser Voraussetzung fehlte es hier. Daß der Zeuge W. mit der Befragung eine polizeirechtliche Entscheidung über den weiteren Verbleib des Kindes (vgl. § 1 Abs. 2 des Gesetzes zum Schutze der Jugend in der Öffentlichkeit) vorbereiten wollte, steht der Anwendung des § 252 StPO nicht entgegen. Die Befragung entsprach nach ihrem objektiven Inhalt der gesetzlichen Aufgabe der Polizei, Straftaten zu erforschen (§ 163 Abs. 1 StPO). Dieser Zusammenhang mit dem strafrechtlichen Ermittlungsverfahren, der anschließend in der Überstellung des Mädchens an die Kriminalpolizei und in dem weiteren Vorgehen der Kriminalpolizei zum Ausdruck gekommen ist, wird nicht dadurch ausgeschlossen, daß der Polizeibeamte, wie es häufig der Fall ist, zugleich polizeirechtliche Aufgaben wahrnahm. Unerheblich ist, daß die Aussage des Mädchens von dem Polizeibeamten nicht protokolliert worden ist (vgl. BGHSt 20, 384, 386). Im Sinne des § 252 StPO ist ein Zeuge auch "vernommen" worden, wenn ihn die Polizei formlos (informatorisch) über den Ermittlungsgegenstand befragt hat. Die Unterscheidung zwischen den Begriffen "Aussage" und "Äußerung", auf die der Tatrichter abstellt, ist nicht geeignet, den Anwendungsbereich des § 252 StPO klar abzugrenzen.

Auf der Verletzung des § 252 StPO kann der Schuldspruch nicht nur im Falle II 1 b der Urteilsgründe (Tat gegenüber M.), sondern auch im übrigen beruhen. Denn der Umstand, daß die von dem Zeugen W. mitgeteilten belastenden Äußerungen der Zeugin M. M. mit den Aussagen ihrer Mutter vor dem Vernehmungsrichter übereinstimmten, hat den Tatrichter in seiner Überzeugung bestärkt, daß die Aussagen der Mutter insgesamt glaubwürdig waren, also auch insoweit, als sie die Fälle II 1 a Und II 1 c der Urteilsgründe (Taten gegen zwei Schwestern der Zeugin M. M.) betrafen.

Der Generalbundesanwalt hat beantragt, die Revision zu verwerfen.

Vorinstanz: LG Braunschweig,
Fundstellen
BGHSt 29, 230
JR 1981, 125
JZ 1980, 419
LM StPO § 252 Nr. 1
MDR 1980, 593
NJW 1980, 1533